Impulse Festival 2026 Programm | Editorial
Liebes Publikum!
Die Unsicherheiten und Krisen des letzten Jahres gingen auch an der freien Szene nicht spurlos vorbei. Sowohl die anhaltenden Kürzungen als auch gesellschaftliche Verwerfungen und konkrete Bedrohungsszenarien sowie weltweite Kriege spiegeln sich in den Arbeiten vieler Künstler*innen wider. Sei es durch die inhaltliche Beschäftigung oder durch die bewusste Setzung positiver Impulse: gegenseitige Stärkung, Empathie, Feiern von Gemeinschaft und das Festhalten an Komplexitäten.
Die Showcase-Auswahl des Impulse Festivals erlaubt nur einen kleinen Einblick in das aufregende Schaffen der freien darstellenden Künste in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ausgewählt wurden zehn Showcase-Produktionen aus über 500 gesichteten Arbeiten, die – allen Kultur-Kürzungen zum Trotz – weiterhin eine große Vielfalt zeigen. Im Umgang mit den gegenwärtigen Zuständen haben sich in diesen Werken einige Themen und ästhetische Zugriffe herauskristallisiert: So ist „Arbeit“ ein immer wieder auftauchender inhaltlicher Aspekt, der unter anderem die Festival-Künstler*innen Sheena McGrandles, Michael Turinsky, Marie Meyer und Nihan Devecioğlu umtreibt: Gesellschaft ist Arbeit, Gemeinschaft ist Arbeit, Politik ist (und will mehr) Arbeit, Demokratie ist Arbeit, Widerstand und Fürsorge sind Arbeit, und Kunst ist auch Arbeit! Kunst kann unsichtbare Arbeit sichtbar machen, ausprobieren, welchen Einfluss die zunehmend allgegenwärtige KI auf künstlerische Arbeitsformen hat, und an marginalisierte arbeitende Körper erinnern. Arbeitszeit und Lebenszeit als zentrale Themen aktueller politischer Debatten werden im diesjährigen Festival auf ganz unterschiedliche Weisen diskutiert und performativ verarbeitet.
Darüber hinaus hinterfragen die Künstler*innen Blickregime und Zuschreibungen kritisch – oft im Spannungsfeld mit der intimen Begegnung: mal in der Verführung, mal in der Unbequemlichkeit von Nähe und Konfrontation. Halten Sie dafür Ausschau nach den Stücken von Alina Arshi, Veza Fernández und Rykena/Jüngst. Ästhetisch spielt in auffallend vielen Festival-Produktionen die Musik eine tragende Rolle: Es werden partizipative Klangräume gebaut, Geschichte(n) von Gastarbeiterinnen oder Pizzalieferanten mit berührenden Songs erzählt, barocke Evergreens in die Zukunft geholt und ein Orchesterwerk in eine barrierearme, vielsinnliche Performance transformiert. Musik-Fans sollten sich die Vorstellungen von Jule Flierl & Camille O, Nihan Devecioğlu, Marie Meyer, Nature Theater of Oklahoma und Rykena/Jüngst auf keinen Fall entgehen lassen! Julian Warner assoziiert in seiner von Schlagzeug getriebenen Konzertperformance die Rolle des Schwarzen Kulturarbeiters mit der des Soldaten. Diese Arbeit schlägt die Brücke zu einem weiteren Festival-Thema: den historischen und aktuellen Kontroversen rund um Militarisierung, Gewaltabwehr und staatlichen Zugriff auf Körper.
Raum für multiperspektivischen Austausch zu diesen Fragen geben wir z.B. bei einer Assembly des internationalen Künstler*innen-Netzwerks The Embassy, ebenso wie in öffentlichen Nach- und Begleitgesprächen mit geladenen Expert*innen. Auf konkrete, schmerzhafte Weise widmet sich diesem Thema auch das Stück der polnischen Regisseurin Magda Szpecht, die uns Einblicke in die gelebten Erfahrungen einer Freundin und Herzensschwester als Soldatin im Ukraine-Krieg gibt und die Frage nach unserer Solidarität aufwirft. Diese Arbeit gehört zur zweiten Festivalprogramm-Linie: dem Themenschwerpunkt Post-West. Hierin schärft das Impulse Festival die Wahrnehmung für „Ost“-und „West“-geprägtes Erfahrungswissen über den deutschdeutschen Kontext hinaus Richtung Osteuropa.
Mit einem performativen „Trauermahl“ des slowakischen Künstlers Dávid Koronczi, der Chemnitzer Erfolgsproduktion „Songs of (In)Security“ von Tanja Krone, einem nicht-binären, oberschlesischen Dindać, in künstlerischen Residenzen zwischen Sachsen-Anhalt und dem Ruhrgebiet sowie den schmelzenden Eiswelten der estnischen Performerin Netti Nüganen bringen wir sehr unterschiedliche künstlerische Formen nach NRW. Nicht zuletzt lädt ein Eisenbahntheater mit Halt in Duisburg in diesem Jahr zur Beschäftigung mit DDR-Stahlarbeiterinnen ein – auf den Gleisen unter dem stillgelegten Hochofen 5.
Last but not least laden wir internationale „Professionals“ und Sie, liebes Publikum, in der dritten Programm-Linie Impulse meets… gemeinsam mit Künstler*innen und Partner*innen aus NRW zum Mitmachen und zu lokaler und internationaler Vernetzung ein: In Workshops zu Drag und Archiv-Praxis, in Gesprächen zu Kulturpolitik und Produktionsbedingungen, zu Partys und einer gemeinsamen Playlist mit unseren „Favourite Songs“.
Im Juni sind wir also wieder als wanderndes Festival in NRW unterwegs: Nach dem Start in Düsseldorf geht es nach Mülheim an der Ruhr und nach über zehnjähriger Pause erstmals auch wieder nach Bochum! Den Festivalabschluss begehen wir in Köln – links- und rechtsrheinisch. Wir freuen uns sehr darauf, Stücke auf den Bühnen und unter freiem Himmel in NRW zu präsentieren, die bewegen, erstaunen oder irritieren. Produktionen, die als bemerkenswerte Einschreibungen überzeugten und für deren Auswahl wir der Festival-Jury und den Scouts herzlich danken möchten! Ein weiterer Dank gilt unserem Veranstalter, dem NRW KULTURsekretariat und allen Förderern dieser Festivaledition, die mit uns daran festhalten, dass vielfältige und herausfordernde Kunst uns auf einzigartige Weise mit uns selbst und der Welt verbindet und manchmal vielleicht auch Hoffnung geben kann.
Ein herzliches Willkommen zu den neuen Impulsen: Wir freuen uns auf ein rauschendes gemeinsames Festival!
Franziska Werner (Künstlerische Leitung)
und das gesamte Impulse-Team